Edgar Schuck

Die Bedeutung der vhs während meiner Tätigkeit seit 1968


Das Alter führt oft zu überraschenden Verhaltensweisen bei der Person selbst und vor allem bei Kontakten. Einerseits will kaum jemand wissen, welche Erfahrungen man in seinem Leben gemacht hat, manchmal weil sie schon zu oft erzählt wurden, bisweilen auch deshalb, weil sie für moderne Zeiten ohnehin keinen Wert mehr haben. Andererseits wird man immer wieder gebeten, etwas als Zeitzeuge zu erzählen, weil das ja „so wahnsinnig interessant“ sei.

Wenn ich seit 1968 bei der vhs Französischkurse gebe, dann ganz egoistisch deshalb, weil es für mich stets bereichernd war. Erwachsenenbildung kam damals im Studium nicht vor, schien mir aber irgendwie spannend zu sein und fand unter der Rubrik „Freizeitgestaltung“ statt. Die Freizeit an der vhs habe ich stets genossen als Zusammentreffen mit aufgeschlossenen Menschen, die über den Erwerb einer Sprache hinaus auch Kontakt mit einem neuen Bekanntenkreis sowie mit Sprache, Kultur und den Menschen unserer europäischen Nachbarn suchten und fanden. Dies zu ermöglichen, war meiner Erinnerung nach auch das Hauptziel der Sprachkurse an der vhs zu Beginn meiner Tätigkeit dort.

Was mir beim ersten Treffen mit den Verantwortlichen gefiel, war die nahezu familiäre Atmosphäre. Das war auch nicht weiter verwunderlich, denn die Leitung bestand nur aus einem hauptamtlichen Leiter, Dr. Pahl, und seiner Sekretärin, Frau Prause, die sich beide dem Neuankömmling gegenüber sehr freundlich und kooperativ verhielten und die bereits beachtliche Zahl von Unterrichtsangeboten mit viel persönlichem Engagement hervorragend und auch am Ende ihrer Tätigkeit noch ohne Burn-out meisterten. Im Erstkontakt mit meinen gleichaltrigen, meist älteren (älter als ich damals!) „Hörerinnen und Hörern“ konnte ich den Vorteil meiner Jugend nützen, denn ich genoss Sympathievorschuss. Außerdem zeigte sich schnell, dass der Begriff „Hörer“ falsch war, weil die Teilnehmer mindestens eben so viel sagen, wie hören wollten: die günstigste Unterrichtsvoraussetzung für einen Sprachenlehrer, die man sich denken kann.

Politisch war das ja die Zeit großer politischer Umbrüche. Die Frauen befreiten sich von männlicher Dominanz und Unterdrückung, die Studenten stellten jede Autorität infrage und sexuelle Freiheit brach allerorten aus, Grenzbalken wurden im wörtlichen und übertragenen Sinn niedergerissen, ein grenzenloses Europa erschien strahlend am Horizont der siebziger Jahre. Für den kleinen Rahmen der vhs hieß dies, Sprache erlernt man am besten im Ausland oder vom Native Speaker, der aber damals noch selten vorkam. Also entwickelte das Deutsch-Französische Jugendwerk eine sog. audiovisuelle Methode, bei welcher der Lehrer hinter der Tonbandaufzeichnung originalsprachlicher Dialoge zurücktrat. Das Sprachlabor späterer Jahre war die logische Weiterentwicklung dieser Methode. Der Star unter den damaligen Dozenten war „Professor“ Emil Schneider, ein geistig sehr beweglicher, netter Kollege vom Humboldt-Gymnasium, damalige Oberrealschule, der wie ein Gott über der sprachlichen Unterrichtsrevolution schwebte, weil er einen Fortbildungskurs der vhs mit Abschlussprüfung in Frankreich absolviert hatte. Das berechtigte ihn allein zum Einsatz der Methode und zwang sozusagen jeden Dozenten, der am Fortschritt teilhaben wollte, zu einem Ferienkurs in Frankreich mit Erlernen besagter Methode. Also nahm auch ich das zum Anlass, meine Freizeitgestaltung auf deutsch-französische sprachliche Revolutionen auszudehnen. Die Überraschung nach meiner Rückkehr ins neue Semester der vhs war vielfältig und positiv. Meine Hörer/innen ließen sich alles genau erklären und stimmten dann sogar zu, zweimal in der Woche zum Unterricht zu erscheinen, der Preis für ein sinnvolles Lernen mit originalem Französisch vom Tonband, begleitet von einer Bildgeschichte. Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass die meisten unter ihnen die Sprache nur zum Spaß oder höchstens für den nächsten Urlaub lernten. Mein immer noch hoch geachteter Kollege musste sich übrigens einige Jahre später von der vhs aus gesundheitlichen Gründen verabschieden und auch deshalb, weil ihm der Umgang mit so moderner Technik, wie Tonband und Projektor, zu schwierig wurde. Bei seiner Abschiedsansprache hatte er Tränen in den Augen und seine Stimme zitterte.

Aber ich will nicht in Erinnerungen schwelgen. Diese erste Zeit meiner Tätigkeit habe ich deshalb kurz erwähnt, weil sie für mich prägend war und weil ihr auch noch einige weitere Fortbildungskurse folgten. Die waren anspruchsvoll und gaben viele methodische Impulse, z. B. die Maxime: „Ein Lehrer, der ein ganzes Leben lang nach einem Übungsbuch unterrichtet, ist schon gestorben, bevor er pensioniert und schließlich irgendwann zu Grabe getragen wird.“

Da ich nur einen kleinen Bericht schreiben soll, erspare ich jetzt dem Leser alle weiteren Erinnerungen, z. B. an das Sprachlabor vergangener Tage oder an die Einführung von Fernseher, CD, Computer und Internet in das Unterrichtsgeschehen. Immer noch bin ich sehr neugierig auf die nächste große Revolution im Sprachunterricht.


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