Arthur Graefe

Ein Teilnehmer des ersten vhs-Semesters (Herbst 1946) in Schweinfurt berichtet


April 1945. Der Krieg ging zu Ende. Ich „feierte“ meinen 14. Geburtstag in einem Luftschutzkeller. Die Amerikaner besetzten die Stadt. Es dauerte noch einige Monate bis sich das Leben wieder zu normalisieren begann. Lebensmittel waren weiter knapp, die Stadt war ein Trümmerhaufen, die Schulen geschlossen.
Für uns junge Leute war es aber doch so etwas wie eine Aufbruchszeit. Wir waren seit unserer Kindheit mit der Propaganda des 3. Reiches aufgewachsen. Der Führer sollte unser Vorbild sein, wurde uns eingetrichtert. Nun mussten wir uns neu orientieren und nahmen mit großem Interesse Dinge auf, die uns bisher fremd waren.
Wehrmachtsberichte, Marschmusik und Jungvolkdienst waren Vergangenheit. Jetzt begeisterte uns Jazz, Big-Bandmusik mit Swing und Boogie-Woogie, wir sahen amerikanische Filme und konnten im Amerikahaus Zeitschriften und Bücher aus anderen Ländern lesen.
Obwohl das Wahlrecht für uns noch in weiter Ferne stand (erst mit 21 Jahren durfte damals gewählt werden) besuchten wir die Wahlversammlungen fast aller Parteien um uns eine eigene Meinung zu bilden.
Im Frühjahr 1946 begann wieder die Schule und im Herbst 1946 wurde die Volkshochschule Schweinfurt eröffnet. Mein bester Freund Helmut Schenk und ich besorgten uns gleich das Programm. Als ich jetzt zum 65. Jubiläum eine Kopie des Programmhefts von 1946 in Händen hielt, kamen wieder die Erinnerungen.

Wir belegten damals 2 Kurse:
Umgang mit Menschen – Wie benehme ich mich in der Öffentlichkeit, bei Besuchen, bei Einladungen, bei Festlichkeiten?…
Der „Hörsaal“ war ein Nebenzimmer der Gastwirtschaft Hofbräuhaus in der Brückenstraße (später Wienerwald; jetzt Georg-Schäfer-Museum). Herr Gerber mag zwar ein guter Tanzlehrer gewesen sein, aber als Dozent war er doch eine Fehlbesetzung. Er las uns ca. 30 Leuten aus einem Buch vor, das sicher schon 20 Jahre vorher geschrieben wurde und eigentlich nicht so recht in diese Zeit passte. Als Erinnerung ist mir nur das Wort „bezwungen“ geblieben, das er sehr häufig beim Vorlesen verwendete. Dieses Wort ergab überhaupt keinen Sinn und erst nach dem 2. oder 3. Abend fanden wir die Lösung. In seinem Buch stand öfters die Abkürzung „bzw.“. Herr Gerber sagte aber statt „beziehungsweise“ immer „bezwungen“. Als wir das monierten hat er sehr sauer reagiert. Dagegen war dieser Kurs für uns ein Erlebnis:

Einführung in die bildende Kunst – Malerei, Graphik, Plastik, Architektur, Kunsthandwerk mit Lichtbildern …
Wir hatten, wenn überhaupt, in der Schule nur von alten deutschen Meistern (Dürer, Cranach, etc.) und von völkischer Monumentalkunst (Arno Breker, Josef Thorak, Albert Speer) erfahren. Nun erlebten wir erstmalig die Malerei des Impressionismus und Expressionismus.
Rainer Fassauer hatte damals sein Atelier in dem Haus am Main (Unterer Marienbach 14), das vor einem halben Jahr abgerissen wurde. Fassauer malte abstrakt. Seine Bilder galten im 3. Reich als entartete Kunst und er war auch nach dem Krieg kaum anerkannt. Ein Ölgemälde von ihm befindet sich in der Schweinfurter Kunsthalle.
Ich bin Rainer Fassauer heute noch dankbar, dass er uns zur Kunst des 19./20. Jahrhunderts geführt hat. Seine Lichtbildvorträge fanden in der Rathausdiele statt. Er zeigte viele Dias von uns damals noch unbekannten Bildern und gab dazu ausführliche Erklärungen. Er verstand es ausgezeichnet uns für diese Malerei zu begeistern. Deshalb sind meine Lieblingsmaler bis heute die französischen und deutschen Impressionisten (Monet, Cezanne, Manet, van Gogh, Corinth, Nolde, Kokoschka, Maler der Brücke und der Blauen Reite und viele andere) geblieben. Dafür bin ich ihm noch heute dankbar.

Das war der Anfang meiner Verbindung zur Volkshochschule Schweinfurt. Die meisten Kurse fanden damals in den Räumen der alten Berufsschule, der Loge in der Neutorstraße und zum Teil auch in Gastwirtschaften statt.
In den vergangenen 65 Jahren habe ich an zahlreichen Kursen teilgenommen, die mir viel neues Wissen und Können vermittelt haben. Ich erinnere mich an Kurse für Schreibmaschinenschreiben (Blindschrift), Sprachen, Stenografie (Verkehrsschrift und Eilschrift), Fotografie, Graphologie, Vogelstimmenwanderungen in der Wehr, Astronomie, autogenes Training und mehr. Ab 1978 gab es die ersten Computerkurse und in den folgenden Jahren habe ich auf diesem damals noch neuen Gebiet durch die VHS viel dazugelernt.

Mir bleibt nur noch der Volkshochschule Schweinfurt für eine fast lebenslange Begleitung zu danken und weiter guten Erfolg zu wünschen.

(Auf den Fotos ist Arthur Gräfe zu sehen: oben 1946, unten 2011)


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